|
Hans Lanner wurde 1873 in Reichenau a. d. Rax als Sohn eines
Holzarbeiters geboren. Sein Geburts- und späterer Wohnort war
der Scheiterplatz unweit des berühmten Hotels Thalhof,
wo maßgebliche Vertreter aus Kunst und Wissenschaft Aufenthalt nahmen
und schon Lanners Vater ein gesuchter Begleiter von Ausflügen
(Partien) der Urlauber in die Umgebung war. Im Alter von
10 Jahren erhielt Lanner den ersten Zitherunterricht und wurde in
der örtlichen Volksschule auch im Violinespielen unterrichtet.
Bei einer der Partien des Vaters konnte der junge Lanner seine
Fertigkeiten auf der Zither auch den Mitgliedern des österreichischen
Kaiserhauses beweisen und lernte dabei seinen Gönner Erzherzog
Carl Franz Josef (1887-1922), den später letzten Kaiser Österreichs
(Karl I.), kennen.
Von 1910 an war es für Lanner zur Selbstverständlichkeit geworden,
dem Erzherzog auf der Zither vorzuspielen. Im Brotberuf seinem Vater
als Holzmeister gefolgt, erhielt er wiederholt Einladungen
in das kaiserliche Schloss Wartholz und spielte 1911 bei
der Hochzeit des Erzherzogs mit Zita von Bourbon-Parma im
Schloss Schwarzau; besuchte das Paar in den Garnisonsstädten Brandeis
und Kolomea, wo er 1912 mit dem Ehrentitel Kammerzitherspieler
ausgezeichnet wurde und verreiste (mit seinem Sohn Johannes) ins
kaiserliche Schloss Hetzendorf, um dort zu musizieren.
Lanner wurde auch in das Exil des Kaisers in der Villa Prangins
am Genfersee eingeladen (1920), um für seinen Kaiser zu spielen,
wobei in diesen Wochen auch zahlreiche Musikstücke für die Mitglieder
des Kaiserhauses entsanden. Es sollten in ihrer Art die letzten
sein, und sie sind als Dokumente einer tiefen emotionalen Beziehung,
die auch die Katastrophenjahre des I. Weltkrieges und die Monarchie
überdauert hat, zu hören.
In der Mitte seines Lebens verlor Lanner seine Inspiration.
Der Tod des Kaisers auf Madeira (1922) ist nicht nur eine künstlerische
Zäsur; auch die ökonomischen und politischen Wirrnisse der
kommenden Jahre lassen die Zither in Lanners Alltag als Holzmeister
in den Hintergrund treten. Er begann jedoch, sich in seiner näheren
Umgebung und in größerem Umfang als Zitherlehrer zu betätigen,
was dem Instrument in Reichenau, Hirschwang und anderen umliegenden
Orten zu einem beachtenswerten Aufschwung verhalft. Noch heute leben
in Reichenau viele Menschen, die von Lanner unterrichtet wurden
und Andenken an ihn bewahren.
Einen letzten Kontakt mit dem ehemaligen Kaiserhaus erlebte der
77jährige bei der Hochzeit des ältesten Sohnes von Kaiser
Karl, Dr. Otto Habsburg, im französischen Nancy, wohin
er als Zitherspieler engagiert wurde. Nach dem Tod seiner Frau Maria
(1953) lebte Lanner noch über ein Jahrzehnt auf dem Scheiterplatz
und tat das, was er schon in seiner Jugend tat: er spielt vor urlaubenden
Gästen Zither und wurde ein überregionaler Begriff. Am 13.
Februar 1964, nach 90 arbeits- und ereignisreichen Jahren, endet
Hans Lanners Leben dort, wo es begonnen hat: am
Scheiterplatz
in Reichenau an der Rax.
Lanner spielte auf und komponierte für eine Zither in der Umlaufschen
Wiener Stimmung. Diese unterscheidet sich von der nunmehr
weitaus gängigeren Standardbesaitung durch tiefe
Bässe im Bassregister der Freisaiten und nicht zuletzt durch
die Hilfssaite g1 am Griffbrett. Diese Zither ist ein Instrument,
das aus der Volksmusik entstanden ist, dort nach den aufführungspraktischen,
harmonischen und melodischen Notwendigkeiten geformt wurde und sich
schlussendlich auch in der Kunstmusik und in allerhöchsten
Kreisen etablierte. Der Holzarbeiter, kompositorische Autodidakt
und spätere Kaiserliche Kammerzitherspieler Hans Lanner ist
ein Stück dieses Weges mitgegangen.
In einem Tagebuch, das in dieser Publikation zum ersten
Mal vollständig abgedruckt ist, hat Lanner seine Eindrücke
von seinen Reisen aufgeschrieben. Dieser Band enthält auch
sämtliche erhalten gebliebene Musikstücke Lanners, die
bis 1922 entstanden sind.
|