Nachwort
(Ausgabe 2005)
Bei der vorliegenden Ausgabe der Neuen Schule der Geläufigkeit
für Zither von Carl Kittel handelt es sich um einen Neudruck
der im Wiener Verlag Franz Röhrich erschienenen Fassung dieses
Unterrichtswerkes. Dieser Verlag war das Folgeunternehmen der Firma
F. Wessely (Wien I., Kohlmarkt 1), wo auch eine frühere, wenn
nicht überhaupt die erste Ausgabe der Neuen Schule der Geläufigkeit
für Zither von Carl Kittel erschienen ist. Demnach verwendete
Röhrich für seinen Neudruck auch die Druckplatten seines
Vorgängers (Pl.-Nr. W.S. 868).
Der Autor Carl Kittel, dessen genauen Lebensdaten uns bislang unbekannt
sind, stammt aus einer weitverzweigten Wiener Musikerfamilie, die
an vielen Orten der Monarchie (und auch im anderen Europa) wirkte.
Sein Vater Franz Kittel senior (18121866) war Zithersolist
in Wien und langjähriger
Zitherlehrer des Fürsten Nicolaus Eszterhazy (18171894).
Seine Geschwister Johann (Baptist) Kittel, von dem sich Werke für
Zither im Verlag von C. A. Spina finden, Franz Kittel jun., Therese
Kucher und Leopoldine Penninger waren Komponisten, Zitherspieler
und betätigten sich zumeist auch als Lehrer.
Über Geschwister seines Vaters war Carl Kittel mit der Familie
Sturm verwandt, deren beiden Söhne Johann Friedrich (18461885)
und Franz Josef (1854 1901) mit seinem Onkel Friedrich Kittel
(1887) das immer lobend rezensierte Erste
Budapester Zithertrio bildeten und überhaupt ein maßgeblicher
Teil des Budapester Zitherlebens waren, dem auch der Virtuose Richard
Grünwald (18771963) entstammt.
Über Geschwister seines Vaters oder über eigene
Geschwister(?) war Carl Kittel auch mit der für die
Verbreitung der Zither in Wien so bedeutenden Familie des Johann
Gruber (18321904) verwandt. Johann Gruber, Vater von vier
Kindern, beinahe selbstverständlich: allesamt vom Fach,
betrieb über 20 Jahre eine große Zitherschule in der
Wiener Josefstadt und er hat während dieser Zeit tausenden
von Schülern und Schülerinnen Unterricht erteilt.
Einer von ihnen war Franz Kittel junior.
Der Autor der Neuen Schule für Geläufigkeit für
Zither, Carl Kittel, scheint sein Leben in Wien verbracht zu
haben, doch sind die Spuren, die er als Zitherspieler hinterlassen
hat, ausgesprochen spärlich wie die seiner Geschwister
im übrigen auch.
Immerhin, als sich die Österreichische Zitherschaft aufschwang,
ihrer Sache einen größeren Rahmen zu geben und im August
1884 den Österreichischen Zitherfachverein gründete,
waren neben Johann Dubez (18281891), Alois Rudolf Lerche
(1851 1925), Franz Wagner (18531930), Josef Haustein
(18491926), Fachmännern aus Salzburg, Graz, Preßburg
und vielen anderen auch zwei Mitglieder der Familie Kittel
eingebunden: Johann Penninger und Carl Kittel.
An einem anderen Meilenstein der Zithergeschichte in Wien,
beim Gründungsfest-Concert des Wiener Zitherbundes
am 15. November 1891 führte Carl Kittel die Liste der Ausführenden
an. Die Teilnahme an diesem Konzert weist ihn als überzeugten
Vertreter der Wiener Zither-Stimmung aus, war doch die Gründung
des Wiener Zitherbundes eine Nachwehe auf die Beinahe-Sprengung
des Österreichischen Zitherfachvereins vorallem durch
Josef Haustein und Alois Rudolf Lerche, die dort ihre Positionen
zur Verfügung stellten, zur so genannten Normalstimmung
wechselten und am 1. April 1886 den Wiener Zither-Reform-Verein
gründeten.
In den Konzerten des von Franz Wagner geprägten Wiener Zitherbund
hingegen spielten die damaligen Jungstars der Wiener Zitherszene:
Emma Fallmann (18761946), spätere Mutter der Geigenvirtuosen
Wolfgang und Walter Schneiderhan, Ferdinand Kolmanek (18711941)
und viele, viele andere.
August Viktor Nikl zählt Carl Kittel unter jene Komponisten
und Virtuosen der Wiener Schule, die sich besonders hervorgetan
haben (1927).
Mit seiner Neuen Schule der Geläufigkeit für Zither
reiht sich Kittel in eine ganze Folge von Etüden für die
Zither aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, wie
zum Beispiel jene von Anton Martin Sacher (18521919) und Franz
Rudolf Kobelt, der ebenfalls bei Rörich verlegt
eine vierteilige Neue Schule der Geläufigkeit in Form von
melodischen Studien zur Erlangung einer besonderen Fingerfertigkeit
im Zitherspiel als Opus 50 geschrieben hat.
Carl Kittels Übungen sind eine wertvolle Bereicherung der Studienliteratur,
von oft überraschender harmonischer und melodischer Farbigkeit
und eignen sich zumeist auch als kurzes Vortragsstück.
Cornelia und Alexander Mayer
© 2005
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